Job 25 – Freizeitparkbetreiberin

„Kommst du gleich noch mit in den Whirlpool?“, fragt mich Oliver, während er auf eine Lok zeigt, die den Schriftzug „Einar, der Entgleiste“ trägt. Olli sprintet die Stahltreppe der Lok herauf, dreht an einer Kurbel und schwenkt die Abdeckung des Whirlpools, der sich hinten auf der Lok unter freiem Himmel befindet, zur Seite. „Fühl mal, ist total warm!“, werde ich aufgefordert. Tatsächlich. Ich drehe mich um. Dort, wo der Lokführer zu erwarten wäre, finde ich eine Dusche, eine Freilicht-Toilette und den Eingang zu einer Sauna, die sich im Inneren der Lok befindet. „Ich hab´ gar keinen Bikini und kein Handtuch mit“, beantworte ich Ollis Frage und bekomme ein grinsendes „Macht doch nichts“ zurück. Meine Wangen werden auch ohne Sauna ein paar Grad wärmer. „Ich richte mich erst einmal ein, aber danke!“.

Freizeitpark-Betreiber Olli bringt mich zu meinem Schlafquartier. Und das befindet sich in dieser Woche im 7-Zwerge-Waggon der Erlebnisbahn Ratzeburg. An den Türen zu den Zimmern sind Schilder mit den schwedischen Namen der sieben Zwerge angebracht. Ich bekomme „Blyger“, was soviel wie schüchtern bedeutet. Alles klar. Zum Glück findet Olli mit Melanie und Niki noch Begleitung für ein Bad unterm Sternenhimmel mit Vollmond und Froschkonzert. Ich hingegen klettere die Leiter zu meinem Hochbett hinauf und wandere einige Zentimeter unterhalb des Zugdachs ins Reich der Träume.

Am nächsten Morgen fahren Olli und ich mit der E-Draisine in Richtung Hollenbek, das neben Schmilau und Ratzeburg einer der drei Streckenabschnitte der Erlebnisbahn ist. Die Erlebnisbahn Ratzeburg ist ein Freizeitpark im Süd-Osten Schleswig-Holsteins. Grün ausgerichtet, bewegt man sich hier nur mit Muskelkraft oder Elektroantrieben auf vielfältige Art und Weise voran: mit Draisinen, mit Fahrrad-Draisinen, Drachenbooten, Kanus, Ballon-Rädern, normalen Fahrrädern, Inlinern, Rollern oder Konferenzrädern. Am Abend wird gegrillt, zwischendurch gibt es Kaffee und Kuchen, Bogenschießen oder eine Runde auf den Spaßfahrrädern, bei denen keines so funktioniert, wie man es erwarten würde. Übernachten kann man in umgebauten Zugwaggons oder in Baumhäusern.

Fährt sich gut, so ein E-Mofa

Heute sind Olli und ich Tourguides, wobei man als Freizeitparkbetreiber grundsätzlich alles macht. Zuerst geht es mit der Draisine 9 Kilometer zurück nach Hollenbek. Von dort mit dem Konferenzrad und Tuktuk in Richtung See, den wir dann gemeinsam mit dem Drachenboot durchqueren. Nachdem wir die erste Gruppe schließlich am Bahnhof verabschiedet haben, begrüßen wir auch schon wieder die nächste. Die zukünftige Braut Bea feiert im Sträflingskostüm ihren Junggesellinnen-Abschied, weiß aber noch nicht, was auf sie zukommt. Für Mittagessen bleibt keine Zeit. Olli drückt mir einen Roller in die Hand und zeigt wieder in Richtung See, von dem wir gerade gekommen sind. Mit den Mädels im Schlepptau geht es zum Glück überwiegend bergab. Wieder auf dem Drachenboot probiere ich mich als Steuerfrau, was nicht etwa Pause, sondern extra Anstrengung bedeutet. Hätte ich das vorher gewusst. Zurück im Zughotel wird gegrillt. Aber leider nur für die Gäste. Am liebsten würde ich mich auch am Salatbuffet bedienen.

Ein paar Reste vom Grillen gibt es für uns spät am Abend noch in der Team-Küche. Wohnen und Essen können die Mitarbeiter der Erlebnisbahn gegen einen kleinen Abschlag nahezu kostenfrei. Einige der Mitarbeiter nutzen die Saison, um auf eine Weltreise oder ein Studium zu sparen. Von April bis Oktober wird gearbeitet und dann geht es raus in die Welt. Für die, die bereits länger dabei sind, heißt es im Sommer immer arbeiten, im Winter reisen. Verrückte Vorstellung.

Olli bemüht sich, dass sich alle wohl und zuhause fühlen. Generell ist das Verhältnis untereinander eher familiär als geschäftlich. Für Olli ist die Erlebnisbahn nicht Arbeitsplatz, sondern Lebensentwurf. „Ich bin ständig unterwegs, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich arbeite“, erklärt er mir, als ich ihn frage, wie viele Stunden er pro Woche arbeitet. So was will ich auch! Olli ist übrigens der erste Mensch, den ich kenne, der in einer Lok wohnt. Einer mit Küche, Bad und Büro.

Mitarbeiterin Gabi erzählt mir einige Tage später, was sie an ihrem Leben in der Erlebnisbahn so liebt. Bereits seit fünf Jahren arbeitet sie hier und lebt in ihrem eigenen Waggon. „Wenn ich ins Bad oder zur Toilette will, muss ich meinen Waggon verlassen. Im Sommer wie im Winter. Auch wenn Schnee liegt oder es regnet. Und jedes Mal freue ich mich, weil ich denke, wie verrückt ist das bitte!“, gerät Gabi ins Schwärmen. Ihre Augen strahlen. „Luxus, wie eine eigene Küche oder ein eigenes Bad, hat man hier zwar keinen, aber ich versteh die Leute eh nicht, die dem Geld hinterher rennen, um sich später was davon zu kaufen. Und dabei haben wir nur das Jetzt. Und jetzt will ich in den Wald, weil es geregnet hat. Und dann riecht es immer so gut. Jetzt, jetzt, jetzt!“, Gabi unterstreicht das Gesagte, indem sie mit der Faust auf den Tisch haut und von ihrem Stuhl aufspringt. Ich schaue ihr hinterher, als sie sich auf den Weg in Richtung Wald macht.

An den Tagen unterhalb der Woche, an denen nur wenige Gäste da sind, besuchen Olli und ich zum einen eine Messe, um für Betriebsausflüge in die Erlebnisbahn zu werben, zum anderen besuchen wir den zweiten Standort der Erlebnisbahn in Bodenwerder bei Hameln, um weitere Schritte für den Aufbau des zweiten Zughotels zu besprechen und zu planen. Aus Bodenwerder kommt übrigens der Lügenbaron von Münchhausen, erfahre ich vor Ort neben etlichen Dingen aus dem Bahnrecht. Gar nicht so einfach, einen Hotel- und Freizeitbetrieb auf Schienen aufzubauen.

Mein Traumjob springt in dieser Woche nicht für mich heraus. Job und Privatleben komplett miteinander zu verbinden, ist nicht meins, auch wenn die Arbeit in der Natur Spaß gemacht hat. Wer Spaß an Outdoor-Aktivitäten hat und noch nach Verdienstmöglichkeiten sucht, um sich eine Weltreise oder anderen Traum zu erfüllen, ist herzlich eingeladen sich in der Erlebnisbahn für die laufende Saison zu bewerben.

Vielen Dank an Olli für seine Gastfreundschaft, Offenheit und Hilfsbereitschaft. An Gabi, Melanie, Kathi und alle anderen Mitarbeiter der Erlebnisbahn!

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