Geschichten erzählen in 3D – Oder, was macht eigentlich ein VR Experience Designer?

Geschichten erzählen in 3D – Oder, was macht eigentlich ein VR Experience Designer?

Ich weiß nicht, wem es noch so geht, aber die Worte „Virtual Reality“ kriege ich einfach nicht flüssig über die Lippen. Virtual Reality – virtuelle Realitäten. Bislang habe ich nur theoretische Erfahrungen mit VR gemacht. Auf meiner Liste meiner Zukunftsberufe darf ein Job im Bereich VR  trotz aller Sprachschwierigkeiten aber nicht fehlen, finde ich.

Über Jonathan, den ich für sein Buch „Junge Überflieger“ kennengelernt habe, bekomme ich den Kontakt zu Dr. Rolf Illenberger. Rolf ist Geschäftsführer von Viond, einem Münchner Startup, das eine Plattform für 360°/VR Experiences anbietet. Sie würden mein Projekt gern unterstützen, schreibt Rolf. Wir tauschen ein paar Mails aus und einigen uns auf einen spontanen Einsatz eineinhalb Wochen später.

Arbeiten im internationalen Software-Entwicklungsteam

Zwei Montage später treffe ich Rolf persönlich. Er hat sich einiges für meine Woche bei Viond ausgedacht. Nach einem Überblick über die Firma und das Produkt sowie dem Kennenlernen der Kollegen, soll ich am zweiten Tag bereits meine erste VR Experience bauen. So könnte ich mich gut auf den Family & Friends Hackathon vorbereiten, der am Ende der Woche stattfindet und bei dem Content Creator in einem Battle virtuelle Welten und Erlebnisse mit der firmeneignen VR Plattform erstellen. Zuerst geht es aber ins „All Hands-Meeting“, bei dem alle Mitarbeiter der Firma sich über aktuelle Vorgänge und Themen informieren.

Um den Tisch sitzen die Kinder dieser Welt, an die ich mich aus meiner Kindergartenzeit noch gut erinnere. Damals waren sie kleiner und gaben sich um den Globus stehend die Hand. Heute sind sie erwachsen und arbeiten als Software Ingenieure oder VR Experience Designer bei Viond. Da ist Orlando aus Argentinien, Max aus der Ukraine, Rémi aus Frankreich, Perla und Diego aus Mexiko, Theo aus Südafrika, Danny aus Indonesien und Lisa, Lea und Rolf aus Deutschland. Toll! Nach dem All Hands-Meeting geht es ins Stand Up-Meeting. Das Stand Up-Meeting auch Daily Scrum genannt, ist Teil von Scrum, einer agilen Projektmanagement Methode, die häufig in der Software-Entwicklung verwendet wird. Jeder erzählt, woran er seit dem Tag zuvor gearbeitet hat, woran er bis zum nächsten Meeting arbeiten wird und welche Gefahren er sieht, die ihn vom Erreichen seines Zieles abhalten könnten.

Als ich Lisa fragend anschaue, beruhigt sie mich. „Das hier hat mit deinem Job als VR Experience Designerin nichts zu tun“, sagt sie. „Bei uns bist du auch Teil des Viond-Entwicklerteams. Das wärst du aber nicht, wenn du dich in einem anderen Unternehmen um deren VR Experiences kümmern würdest.“. Nach dem Stand Up-Meeting folge ich Lisa mit in den Gemeinschaftsbereich der Firma. „Wir haben lange überlegt, wie wir den Job nennen sollen, den du bei uns testest. Am passendsten erschien uns der Begriff VR Experience Designerin zu sein. Es ist ein Teil der Tätigkeiten, die ich bei Viond mache“, erklärt Lisa mir. Viond, erzählt sie mir, existiere erst seit März diesen Jahres und sei vorher ein Produkt der Firma Re´flekt gewesen. Nach Ausgründung sei das komplette Team, das bei Re´flekt für das Produkt Viond zuständig gewesen ist, in die neue Firma gewechselt.

Viond in Weiß

Viond in Weiß

Der Unterschied zwischen VR und 360°

Viond biete Unternehmen eine Plattform, mit der sie innerhalb kurzer Zeit eigene interaktive 360° und VR Angebote erstellen können. Mit Nutzung der Plattform müssen sie diese nicht mehr selbst programmieren. „360°?“, frage ich Lisa. „Was ist der Unterschied zu VR?“. „Die Begriffe werden oft vertauscht“, antwortet sie mir. Für Verwirrung sorge die VR Brille, die oft mit VR gleichgesetzt wird. Dabei ist sie lediglich ein Ausgabegerät, auf dem man sich VR, aber auch 360° Content anschauen kann.

Zum 360° Content zählen Fotos oder Videos, die mit 360°-Kameras aufgenommen werden und einen Rundblick gewähren, nach oben und unten kann man natürlich auch schauen. Der Nutzer schaut dabei immer aus Sicht der Kamera, die die Bilder vorher aufgenommen hat. Er kann die Blickrichtung ändern, alle anderen seiner Bewegungen werden nicht berücksichtigt. Mit seinem Blick kann er Interaktionen auslösen oder sich im 360° Raum bewegen. Bewegen heißt dabei von einer Kameraeinstellung zur nächsten zu springen. 360°-Aufnahmen kann man sich auf einem Gerät ansehen, das man in der Hand hält, zum Beispiel auf einem Tablet oder Smartphone. Man kann sie sich aber im VR Modus auch mit einer VR Brille ansehen.

VR ist dagegen eine computergenerierte 3D-Umgebung, die sich nur mittels der VR Brille ausgeben lässt. Der Nutzer kann sich im Raum bewegen und zum Beispiel mit speziellen Handschuhen Interaktionen auslösen. Der Computer berechnet aufgrund der getrackten Bewegungen den Standort und stellt die Umgebung entsprechend dar oder löst die Interaktionen aus. Bei VR und bei 360° kann der Nutzer selbst entscheiden, in welche Richtung er blickt oder welche Interaktion er auslöst. Die VR Pionierin Nonny de la Peña erzählt in ihrem 10-minütigen TED Talk sehr anschaulich, was VR ist und wozu es sich nutzen lässt. Wer mehr Zeit hat, sei der Science-Fiction-Thriller Ready Player One von Steven Spielberg empfohlen, in dem die Menschheit 2045 mehrheitlich in einer virtuellen Welt lebt. Coole 360°-Videos gibt es von Disney zum Dschungel-Buch. VR und 360° ermöglichen das Erleben und Eintauchen in einen Inhalt. Eingesetzt werden sie bereits in vielfältigen Bereichen, zum Beispiel in der Therapie, im Marketing und in der Bildung.

Wie man eine 360° Experience baut

Nach den theoretischen Grundlagen bekomme ich eine Einführung in die Plattform Viond. Software Ingenieurin Perla gibt mir einen Überblick über das System. Im oberen Teil des Programms kann ich mir 360° Bilder oder Videos ansehen und interaktive Elemente einsetzen. Im unteren Teil kann ich Anzahl und Reihenfolge von Szenen festlegen. Jede Szene enthält ein 360°-Foto oder -Video. Außerdem kann ich Übergänge von einer Szene in die andere gestalten. Soll der Nutzer einer virtuellen Wohnungsbesichtigung beispielsweise in der Lage sein vom Wohnzimmer in die Küche zu gehen? Oder zurück in den Flur? Im Job als VR Experience Designerin mache ich genau das: Ich entscheide, welche Aufnahmen ich für die Experience nehme, wie ich sie anordne und den Nutzer hindurch leite und welche Interaktionen es geben soll. Um mich vertrauter mit dem System zu machen, baue ich die Experience einer Büro-Besichtigung nach. Das ist gar nicht so schwierig. Aber die konzeptionelle Arbeit hat dabei ja auch schon jemand anderes gemacht. „Jannike, kommst du mit zur Verabschiedung von zwei Kollegen?“, ruft Lisa mir zu. Ich klappe meinen Laptop zu und folge meinen Kollegen auf die Dachterrasse. Bei Bier und Hotdog klingt mein Tag aus. So darf es weitergehen.

Am Tag darauf darf ich meine erste eigene Experience bauen. Wir haben 360°-Aufnahmen von einem potentiellen Kunden bekommen, die ich mir ansehen und mir überlegen soll, welche Zusammenstellung, Reihenfolge und Interaktionen eine gute Story ergeben könnten. Ich schaue mir die 360°-Videos in 2D an und habe Schwierigkeiten die Aufnahmen gedanklich in 3D zu übersetzen. Wie sehen die Räume aus und wie hängen sie zusammen? Welche Tür führt in welchen Raum? Wo geht es auf den Balkon? Wie ordne ich den Content an, sodass er Sinn ergibt und zwar sowohl inhaltlich, als auch räumlich? Ich zeichne den Grundriss und bekomme langsam eine Vorstellung. An meinem Laptop zerschneide ich die Videos dann in einzelne Sequenzen. Meine Erfahrungen im Job als Videoproduzentin helfen mir jetzt. Ich entscheide mich für die Szenen, die ich verwenden will und mit welcher ich starten möchte. Die einzelnen Videoschnipsel lade ich in Viond hoch. Das Gebläse meines Laptops macht sich bemerkbar. Die Kapazitäten eines MacBook Airs reichen scheinbar nicht für die Datenmengen.

Ich füge Grafiken ein, die man anklicken kann, um in den nächsten Raum oder zum nächsten Video zu kommen. Ich loope einige der Videos oder fordere den Nutzer auf, für den nächsten Schritt aktiv zu werden. Als grobe Struktur und Geschichte stehen, exportiere ich meine Experience, um sie mir mit VR Brille auf meinem Handy anzusehen. Fehlermeldung. Ich prüfe jeden einzelnen Baustein meiner Experience, setze neue Übergänge ein und checke die Verknüpfungen der Grafiken. Nach einer Stunde entdecke ich die Fehlerquelle: Ich habe ein Sonderzeichen in einem Dateinamen verwendet. Manchmal sind die Dinge so simpel. Stolz zeige ich Lisa mein Ergebnis und habe den Eindruck, dass sie schon zufrieden damit ist. „Viele Möglichkeiten, Interaktionen einzubauen, bietet dieses Videomaterial leider nicht“, sagt sie. „Interaktionsmöglichkeiten sollte man bei der Aufzeichnung des Contents direkt einplanen. Sie sind nämlich total gut, um den Nutzer mit einzubeziehen. Ich persönlich würde jetzt noch ein Menü erstellen, über das man die Experience starten kann und die Grafiken ein wenig klarer gestalten.“ Gesagt, getan.

Hackathon

Fast Feierabend – Abschluss des Hackathons

Meine zweite Experience baue ich als Teil von Team 2 beim Hackathon am Freitag. Der Viond-Besprechungsraum ist voller IT-Nerds, Content Creator und Game Design-Studenten, die zum Teil ihre eigenen Rechner und Bildschirme mitgebracht haben. In acht Stunden sollen wir eine Experience zum Thema „Space Colonization“ bauen. In Team 2 entscheiden wir uns für eine nutzerfreundliche Version des Eignungstests für die Mars One Mission . Lisa ist Teil meines Teams und zeigt mir, was man als VR Experience Designerin noch alles an Interaktionen in eine Experience einbauen kann. Cool. Leider gewinnen wir den Hackathon nicht. Die Konkurrenz war aber auch gut. Spaß gemacht hat es trotzdem. Warum VR Experience Designer ein Beruf der Zukunft ist und was man dafür braucht, spare ich mir wie gehabt für mein Buch auf. Ich fahre jetzt mit dem Nachtzug nach Hause und nutze die Zeit,  um an meiner Aussprache zu arbeiten. Virtual Reality, Virtual Reality, Virtual Reality.

Vielen Dank an Jonathan, Rolf, Lisa, Lea, Perla, Diego, Rémi, Orlando, Max, Danny und Theo!

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