frei sein

Frei sein bedeutet, sich entscheiden zu müssen

Ein Fazit, vier Jahre später

Vor vier Jahren bin ich ausgestiegen. Ich würde gern sagen können, dass ich damals einfach so frei war. Den Mut für den Ausstieg fasste ich allerdings erst, als eine persönliche Krise mein Leben erschütterte und meinen bisherigen Lebensentwurf in Frage stellte. 

Schon lange war ich mit meinem Leben unzufrieden gewesen. Konsum, Schritte auf der Karriereleiter und ferne Urlaubsziele brachten nicht die erhoffte, nachhaltige Zufriedenheit mit sich. Ob es die überhaupt gab? Ich steckte fest, grübelte, testete, aber fand keine Lösung für meine Unzufriedenheit. Je mehr ich probierte sie loszuwerden, desto unglücklicher wurde ich. „Was willst du denn noch alles?“, vernahm ich aus meinem Bekanntenkreis. Und: „Du kannst doch wirklich schon zufrieden sein.“ An Ideen, wie ich mein Leben, insbesondere mein Berufsleben, anders gestalten könnte, mangelte es mir nicht. An Gründen, die dagegen sprachen allerdings auch nicht.

Eine Krise hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren

Dann, mit der Krebsdiagnose meines Vaters, fasste ich den Entschluss auszusteigen. Ich entschied mich für die radikale Variante, verließ ein Dreiviertel Jahr später mein Arbeitsverhältnis, kündigte meine Wohnung, meinen Fitnessstudiovertrag, verschenkte meine Bücher und verkaufte meinen Besitz. Ein paar Umzugskartons stellte ich bei meiner Mutter auf dem Dachboden unter. Der Rest meines Lebens passte nun in meinen Koffer.

Wenig Besitz hat etwas befreiendes. Da stand ich nun und hatte Optionen im Überfluss und weniger Gründe, die gegen sie sprachen. Was ich tun sollte, wusste ich nicht. Jahrelang hatte ich mich über meinen Job identifiziert, hatte mich die Karriereleiter hinauf steigen sehen und mich nach Erfolg gesehnt. Jetzt wollte ich von vorne anfangen. Wollte in einen Job umsteigen, der meine Berufung sein sollte. Wollte Lehrerin werden oder Architektin oder Journalistin. Einen Beruf haben, der wirklich zu mir passt. Nur welcher sollte das sein?

In einem Ratgeber las ich von der Belgierin Laura van Bouchout, die verschiedene Berufe getestet hat, bevor sie sich für eine berufliche Heimat entschied. Das wollte ich auch. Es erschien mir nur logisch, die Berufe erst auszuprobieren, bevor ich mich für einen von ihn entschied, die Realität im Job kennenzulernen und mich in ihn hinein zu fühlen. Nach kurzer Vorbereitungszeit startete ich in das Jahr meines Lebens: 30 Jobs wollte ich innerhalb von einem Jahr ausprobieren. In den darauffolgenden Wochen arbeitete ich als Erzieherin, Stadtführerin, Verkäuferin, Headhunterin, Biobäuerin und Winzerin und entdeckte immer mehr Seiten an mir wieder oder sogar gänzlich neu kennen.

Wenn der Körper mehr weiß, als der Geist

Nach den ersten fünf Jobs begab ich mich, ohne es zu merken, um ein Haar wieder ins Hamsterrad. Ich hatte ein Job-Angebot bekommen, das mir Prestige und Anerkennung versprach.  Ich sagte zu. Mein Körper protestierte und sendete mir eindeutige Signale. Nachts wurde ich von Schwindelattacken aus den Tiefschlafphasen gerissen. Die ständigen Kopfschmerzen nahm ich schon gar nicht mehr als etwas Besonderes wahr. In der Hoffnung auf heilende Medikamente ging ich zum Arzt. Ich wollte die Symptome bekämpfen, ohne mich für die Ursachen zu interessieren. Nach einem großen Checkup bescheinigte mir der Arzt meine vollste Gesundheit und riet mir zu einer Pause. Ich war ausgestiegen, um mich neu zu orientieren und sollte jetzt von der Pause eine Pause machen?

Als ich meine E-Mails checkte, fand ich die Aufforderung einer Fluggesellschaft in meiner Inbox. Ich sollte einchecken für meine Reise nach Irland. Den Flug hatte ich Monate zuvor günstig gebucht und trotz neuer Pläne nicht storniert, da ich ohnehin kein Geld zurückbekommen hätte. Nach einigem Hin und Her rief ich bei meinem zukünftigen Arbeitgeber an und sagte den Job ab. Die Wohngemeinschaft, in die ich mich für den Job eingemietet hatte, sagte ich ebenfalls wieder ab. Stattdessen checkte ich ein und flog wenige Tage später nach Irland, wo ich ohne Internet und sonstigen Ablenkungen knappe vier Wochen allein mit einem Wohnmobil an der Küste entlang fuhr.

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Stille macht frei, lernte ich in Irland. Ohne Dauerbeschäftigung und Dauerbeschallung wurde mir auf das Schmerzlichste bewusst, dass ich den Erwartungen anderer unterlegen war und die Ziele, die ich bis dahin verfolgt hatte, nicht meine eigenen gewesen waren. Das Schwierigste daran für mich: Hatte ich überhaupt eigene Ziele? Was wollte ich selbst und wer war ich überhaupt? Dennoch fühlte ich mich auf dem richtigen Weg. Mein Körper hatte mir Signale gegeben, nicht wieder einen Weg einzuschlagen, der nicht mein eigener gewesen wäre. Irgendetwas in mir musste also wissen, was gut für mich war und was nicht. Später lernte ich den passenden Begriff dazu kennen: Intuition. Wieder zurück in Deutschland setzte ich meine Reise durch die Arbeitswelt fort und schulte meine Intuition, meine verloren gegangene Fähigkeit.

Sich selbst entdecken

Ich arbeitete als Karriereberaterin, als Architektin, als Pathologin, Journalistin, Tierpräparatorin, als Freizeitparkbetreiberin, Politikerin und Hebamme. Immer wieder neue Identitäten anzunehmen und in die Schuhe anderer Menschen zu schlüpfen, machte mich freier. Immer weiter löste ich mich von dem Bild, das ich in meinem alten Leben von mir hatte. Ich beobachtete mich in den verschiedenen Jobs: Ging es mir leicht von der Hand? Machte es mir Spaß? War das, was ich tat, für mein Empfinden sinnvoll? Ich lernte immer mehr über mich selbst und stellte fest, dass ich noch viel mehr war, als ich mir einige Jahre zuvor vorstellen konnte. Ich entdeckte meine Leidenschaft für das Schreiben und das Lernen und bekam positives Feedback. Je mehr ich ausprobierte und Feedback bekam, desto ein besseres Gefühl bekam ich von dem, was ich tun wollte.

Eine Frage hielt sich hartnäckig: Was war mir wirklich wichtig? Und wozu machte ich das alles eigentlich? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass es mich Kraft kostete, mich jeden Tag aufs Neue ständig zu entscheiden und meinen Weg, der nun nicht mehr von Äußerlichkeiten gelenkt wurde, weiter zu verfolgen. Frei sein heißt eben auch, sich selbst entscheiden zu müssen. Und das kann anstrengend sein. Ein gewisser Rahmen kann deswegen auch erleichternd sein. Viele Rahmen, die der Mensch noch vor einigen Jahrzehnten beispielsweise durch die Kirche oder die Gesellschaft hatte, bestehen heute nicht mehr. Und auch mein Rahmen, meine Karriere, mein altes Leben, der Konsum, erleichterten mir die Entscheidungsfindung nicht mehr. In dem Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“ vom Dalai Lama und Lars Riedel ist die Rede von ethischen Grundregeln oder Richtlinien, die man zur Entscheidungsfindung hinzuziehen kann. Sie empfehlen, ein verinnerlichtes Wertesystem zu entwickeln, das uns als Richtschnur dienen kann. Ein Wertesystem, das uns im freien Raum zurecht finden lässt, uns navigieren lässt. Nur wie entwickelt man das?

Was ist wirklich wichtig?

In einem Seminar kam ich der Antwort einen Schritt näher. „Was ist dir wirklich wichtig?“, wurde ich in einer Übung von einer Teilnehmerin immer und immer wieder gefragt. Ich sollte mich auf das Wesentliche zurückbesinnen. Das war schwierig, aber es kam mir bekannt vor. Ganz am Anfang meiner Reise, damals in meiner Krise, stellte ich mir eine ähnliche Frage. Aber ich hatte keine Antwort, außer, dass es nicht das war, was mein Leben zu diesem Zeitpunkt füllte.

Heute bin ich frei. Ich habe immer noch wenig Besitz, ich reise viel, lerne, schreibe und spreche mit Menschen über das Leben und die Arbeit. Wenn ich mich einmal nicht gut fühle, dann nehme ich mir einen Moment Zeit, trete einen Schritt zurück und betrachte, wie ich an diesen Punkt gekommen bin. Und dann frage mich wieder einmal: Was ist dir wirklich wichtig?

Original erschienen im MaaS Magazin – Impulse für ein erfülltes Leben– ab heute online erhältlich oder in Bahnhofsbuchhandlungen.

Und, was ist dir wirklich wichtig? Ich freu mich auf eure Rückmeldungen in den Kommentaren!

10 thoughts on “Frei sein bedeutet, sich entscheiden zu müssen

  1. Hey Jannike, was du beschreibst klingt für mich mutig, bereichernd und anstrengend zugleich. Ich glaube, ich muss mir bald mal genauer ansehen, wie du es geschafft hast, 30 Jobs in ein Jahr unterzubringen… 😉 Ich selbst habe übrigens gemerkt, dass bei einer (neuen) Sache erst einmal zu bleiben und sie damit zu vertiefen noch aufschlussreicher sein kann als viele kurze neue Impressionen. Bisschen wie bei einem Parfüm: da kommt die Herznote auch erst hervor, nachdem die Kopfnote zu Beginn verflogen ist! Herzlichen Gruß und alles Gute bei deiner weiteren Suche! Sunnybee

  2. Hallo Jannike,

    mein Name ist Christoph und ich bin 20 Jahre jung. Mich hat deine Geschichte über deine berufliche Selbstfindung, die du dir ermöglicht hast, sehr berührt. Über die Leistung, die du in jener Phase und auch jetzt erbracht hast, bin mit Sicherheit nicht nur ich beeindruckt.
    Ich selber bin an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr nur das Gefühl besitze, sondern auch weiß, dass ich ein Leben nach anderen Vorstellung lebe. Ich mache eine Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung beim Zoll und bin vielmehr dort hinein gestolpert, nach dem meine Eltern dies für eine gute Idee erachteten. Anfangs war es auch noch meine eigene Entscheidung (Ich habe mich immerhin selbst beworben), ich hab mich gefreut und gehe bis heute Respektvoll mit jedem um und verrichte meine Arbeit dort so gut ich kann.
    Seit knapp 19 Monaten macht mich die Ausbildung nun immer unglücklicher, so das ich mich inzwischen wie gelähmt fühle. Ich weiß nicht wem mit meiner Arbeit geholfen ist, ich komme mit der Ideologie dort überhaupt nicht zurecht und zu guter Letzt, wirken meine Ergebnisse wenn überhaupt im Innenverhältnis, was zusätzlich ernüchternd ist.
    Nebenbei versuche ich im Augenblick durch eine Website, Privatpersonen über spezielle Marketingaktionen, die kein Startkapital bedürfen, dabei zu helfen, Unternehmsanteile in Form von Kryptowährungen zu erwerben. Die Website ist noch nicht fertig, bloß halten schon jetzt viele im meinen Umfeld dies für sehr Unklug. Ich würde gerne, wenn sich das Ganze überhaupt ausreichend monetarisieren lässt, Vollzeit nach der Ausbildung den Fokus auf mein Business legen. Dies kann niemand, erst Recht nicht meine Eltern oder die Eltern meiner Freundin verstehen, weswegen ich gegen sehr viele Einwände standhalten muss, obwohl ich mir sicher bin es wenigstens probieren zu wollen. Wäre es unklug sich direkt nach der Ausbildung in die Selbständigkeit zu stürzen? Mir wäre deine Meinung aus einem mir nicht erklärbaren Grund sehr wichtig.

    Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.

  3. Hallo Jannike, ich wünsche dir ein frohes neues Jahr! Ich wünsche dir auch weiterhin viel Erfolg und viel Glück für deinen Lebensweg!

    Ich schreibe dir, da ich gerade in einer Berufsfindungsphase stecke. Meine Freundin hat mich auf dich aufmerksam gemacht, da sie den Puls-Bericht gesehen hatte. Ich habe ziemlich lange studiert und habe auch zwei Abschlüsse Im BWL Bereich . Mir mangelt es auch darin nicht an Praktika. Nur kann ich es mir seit diesem Jahr oder letztem Jahr endlich eingestehen, dass ich bis jetzt noch nicht das Richtige beruflich gefunden habe. Ich würde gerne das mit den 30 Jobs ausprobieren wollen. Mich würde sehr interessieren, wie du an die Jobs gekommen bist. Hast du dich auf Praktika beworben? Und wie weit im Voraus hast du das geplant? Und wie hast du dich in der Zeit finanziert? Stehen diese Infos in deinem Buch? Da ich vorher nicht Vollzeit gearbeitet habe, habe ich nicht ganz so viele Ersparnisse. Und was für Ratschläge hättest du noch, um den Traumberuf zu finden?
    Ich weiß, Fragen über Fragen. Ich bewundere nur deinen Mut und wie du dein Vorhaben in die Tat umgesetzt hast!

    Ich würde mich sehr auf eine Antwort freuen.
    Vielen Dank und liebe Grüße
    Kathi

    1. Liebe Kathi,

      Vielen Dank für deine Wünsche! Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute für das Neue Jahr. Es scheint ja, als ob dir Spannendes bevorsteht.

      Zu deinen Fragen:

      Ich habe die Praktika hauptsächlich über mein Netzwerk organisiert. Das heißt nicht klassisch beworben, sondern geguckt: Wen kenne ich, der jemanden kennt, der… Und dann habe ich mich an die Person gewendet. Also nicht geschaut, bei welchem Unternehmen ich es machen könnte, sondern bei welcher Person. Hilfreich hier: Leidenschaftliche Menschen suchen. Die sind in der Regel offener fürs Schnuppern. Kleine Unternehmen und Selbstständige sind unterm Strich auch offener. Und wichtig: offen kommunizieren, warum du es machen möchtest.

      Ich habe immer circa 1 – 2 Monate im Voraus geplant. Da ich jeweils nur 1 Woche in den Jobs hatte, machte es keinen Sinn, das länger im Voraus zu planen.

      Ich habe vorher gespart, meinen Lebensstandard runtergefahren, Besitz verkauft und aus dem Koffer gelebt. Das war die radikale Variante, aber es gibt auch andere Möglichkeiten.

      In meinem ersten Buch steht, was ich erlebt habe. In dem zweiten „Ich bin so frei – Raus aus dem Hamsterrad, rein in den richtigen Job“ dann, wie man einen Umstieg gut meistern kann.

      Generelle Ratschläge? Also auf jeden Fall, dich mit dir selbst beschäftigen. Andere Menschen fragen, wie sie dich sehen, dich selbst in unterschiedlichen Kontexten ausprobieren, Erfahrungen machen und die dann reflektieren. Und: Es gibt nicht DEN Traumjob. Wenn du dich auf die Suche machst, gucke eher nach dem, was dir gut von der Hand geht, wo du Talente hast, was dir sinnvoll erscheint und wo du Spaß hast. Das können auch nur Teile von einigen Jobs sein. Wenn du das herausfiltern kannst, dann bringt dich das einen riesigen Schritt weiter

      Liebe Grüße und alles Gute für dich,
      Jannike

  4. Liebe Jannike,

    dein Artikel hat mich total angesprochen, insbesondere der Titel: „Frei sein bedeutet, sich entscheiden zu müssen.“ Denn genau liegt meine Herausforderung in meinem Leben, Entscheidungen zu treffen.

    Ich arbeite aktuell in der Wirtschaft und habe gerade ein Jobangebot von einem Kunden im öffentlichen Bereich bekommen bei dem ich schon lange tätig bin. Ich quäle mich mit der Entscheidung nun schon Monate und komme einfach zu keinem Punkt.

    Anfangs dachte ich noch, dass ich es einfach machen sollte, da sich für mich nichts verändert, da ich schon bei dem Kunden arbeite. Doch dann fingen die Zweifel an, ob das der Job ist, den ich wirklich machen will oder ich nur die „Sicherheit“ suche. Ich möchte unbedingt freier werden und ich hab mal den Spruch gelesen: „Freiheit stiebt durch Sicherheit.“

    Hast du vielleicht einen Tipp, wie ich für mich eine gute Entscheidung treffen kann?

    Danke und liebe Grüße

    Anne

    1. Liebe Anne,

      danke für deine Nachricht! Dein Dilemma kann ich gut nachvollziehen. Wenn du eine Münze nimmst (Kopf steht für deinen alten Job, Zahl für das Angebot), du wirfst sie in die Luft und fängst sie wieder auf. Auf was hoffst du? Kopf oder Zahl? Mit der Methode kannst du ein bisschen an dein Unterbewusstes herankommen. Es gibt im Coaching noch eine Methode. Es könnte ja auch sein, dass du gar nicht vor einer Entweder-Oder-Entscheidung stehst. Du kannst das mal ausprobieren. Nimm drei DinA4 Zettel und schreibe auf den einen deinen aktuellen Job, auf den zweiten das Angebot und auf den dritten, etwas Neues, aber nicht das Angebot. Wenn du dich dann auf die Zettel stellst und mal in dich hinein fühlst, wie es dir auf der jeweiligen Postion geht, was du siehst, wie dein Alltag so ist oder sein könnte, dann kann dir das auch einiges an Klarheit bringen. Ich weiß nicht, wie gut das ohne Begleitung funktioniert, aber ein Versuch wäre es wert!

      Meld dich mal, wenn du es ausprobiert hast!

      Liebe Grüße und alles Gute,
      Jannike

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