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Wie fühlt es sich eigentlich an, Jobs zu testen? Ich stelle mich dieser Frage und gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich teste den Job als Job-Testerin, die den Job als Trendforscher testet.

Mein Name ist Melina und ich mache derzeit ein Praktikum bei Jannike. Seit meinem Abitur 2015 beschäftigen mich die Themen Berufsorientierung, Selbstfindung und Glücklichsein stetig mehr. Im Februar habe ich meine Ausbildung als Gestalterin für visuelles Marketing erfolgreich beendet. Ob ich voll in dem Job arbeiten wollte, wusste ich allerdings nicht. Ich hatte viele Ideen, was ich beruflich machen könnte. Der Zufall führte mich zu Jannike. In einem Podcast hörte ich Jannikes Geschichte. Sie faszinierte mich so, dass ich ein paar Minuten später bereits auf den Sende-Button meines Facebook-Messengers drückte und meine Initiativbewerbung sich auf den Weg zu Jannike machte. Nach meinem Berufsabschluss war ich entschlossen, etwas Neues zu wagen und mich in ein Abenteuer zu stürzen, von dem ich nicht wusste, was dabei herauskommen wird. Jetzt war es soweit. Nach einem Videoanruf und einem persönlichen Treffen mit Jannike wickelten wir alles in trockene Tücher. Seit September bin ich nun offiziell als Jannikes Assistentin tätig. Wie schön, dass zu meinen Aufgaben auch das Job-Testen gehört. 

Rein ins “Trendforschungs-Labor”!

Wir betreten ein großes Gelände voller Backsteinhäuser. Vor rund 120 Jahren wurde hier einmal ein Gaswerk betrieben. Heute befinden sich in den Gebäuden Büros, Geschäfte, Hotels und Eigentumswohnungen. Es ist 10 Uhr, als wir an der Tür von TRENDONE in Hamburg klingeln. TRENDONE ist eine Innovationsberatung, die 2002 von Nils Müller gegründet wurde und branchenübergreifend nach Signalen dafür sucht, wie die Welt von morgen aussehen könnte. Jannike und ich sind hier, um den Job als Trendforscherin zu testen. “Warum ist das ein Job der Zukunft?”, frage ich Jannike. Ich erfahre, dass unsere Welt zunehmend VUCA (volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig) wird und wir Menschen brauchen, die sich dieser Komplexität annehmen und als Innovationsmanagerinnen, Coaches, Journalistinnen oder eben Trendforscher agieren, um ein wenig Überblick ins Chaos zu bringen.

Trendforscher

Wir werden von Johanna, unserer Ansprechpartnerin in den nächsten Tagen und Trend Analystin bei TRENDONE, herzlich begrüßt. Sie führt uns durch stylische Büro- und Meetingräume mit höhenverstellbaren Tischen, vorbei an einer Couch vor einer Zitate-Wand, vorbei an winkenden Kollegen. Die Führung endet in einem Meetingraum hinter der Küche. “Bereit etwas über TRENDONE zu erfahren?”, fragt uns Johanna. Wir sind bereit. Johanna erzählt uns, wie Trends entstehen, was TRENDONE macht und wer im Team welche Aufgaben hat. Von Technik-, über Gesellschafts- bis hin zu Gesundheitstrends – TRENDONE setzt sich intensiv mit weltweiten Innovationen und aufkommenden Trends auseinander. „Trends“ sind eben nicht nur in der Mode- und Konsumwelt anzutreffen. Die Trendforschung beschreibt Veränderungen und Strömungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Ganz schön umfangreich, denke ich. Der Kaffee entfaltet seine erste Wirkung. Das hilft. 

Svea, Innovation Advisor im Consulting, kommt dazu und wird uns gleich unsere erste Aufgabe geben. Dazu müssen wir verstehen, wie sich Micro- zu Macro-Trends entwickeln. Svea beschreibt es so: Ein Micro-Trend ist eine kleine, ganz konkrete Innovation, wie ein kleiner Tropfen. Wenn mehrere Tropfen der gleichen Trendströmung aufeinander treffen, entsteht ein Fluss. Den Fluss kann man als Macro-Trend bezeichnen. Folgt man diesem Bild, stellt ein Mega-Trend das Meer dar, in das der Fluss oder auch mehrere Flüsse münden. Ein Mega-Trend ist global und betrifft alle Lebensbereiche der Menschen. 

Die erste Trendrecherche: Science Fiction oder Realität?

Für uns heißt es nun, Trendrecherche für einen Kunden zu betreiben. Der Kunde möchte innovative Produktideen generieren. Dazu hat TRENDONE mit den Produktmanagern aus dem Unternehmen einen Workshop geplant. Mit Hilfe der internen Micro-Trend-Datenbank sollen wir zu den Themen Kosmetik, Ernährung, Baby, Haushalt, Gesundheit und Shop-Innovationen neue Trends heraussuchen. Diese sollen den jeweiligen Produktmanagern vorgestellt werden, sie über aktuelle Entwicklungen aufklären und zu eigenen Produktinnovationen inspirieren. Wir klicken uns durch die Datenbank. Mir raucht der Schädel. 

“Habt ihr Lust, essen zu gehen?”, fragt Johanna. Zu dieser Pause sage ich nicht nein. Jannike auch nicht. Vier weitere Kollegen schließen sich uns an. Auf dem Weg unterhalte ich mich mit Andreas, ebenfalls Trend Analyst bei TRENDONE. Er erzählt mir von seinen zwei Jobs, die er hat. “Ich arbeite nur zwei Tage bei TRENDONE. Die anderen drei Tage arbeite ich als Redakteur bei Spiegel Online”, sagt Andreas. “Mein Interesse an Trendforschung begleitet mich schon seit Anfang meiner Redakteurskarriere. Der Job bei TRENDONE ist für mich also die perfekte Ergänzung zu meinem Job als Redakteur.” Ich bin begeistert von der Idee, zwei Jobs zu haben. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, als Gestalterin und trotzdem weiterhin bei Jannike zu arbeiten. Ich stelle außerdem immer wieder fest, dass man als Quereinsteiger und mit dem nötigen Interesse alles werden kann, wenn man nur fragt.

Mit vollem Magen und einer weiteren Tasse Kaffee vor mir geht es nach der Mittagspause weiter mit unserer Recherche. Johanna hat uns freie Wahl gelassen, wo wir arbeiten möchten. Ob am höhenverstellbaren Schreibtisch, in der Küche oder im Meetingraum: bei TRENDONE hat keiner einen festen Arbeitsplatz. Jeder sucht sich seinen Platz, je nach Lust und Arbeitsaufgaben. Jannike und ich entscheiden uns für die Küche. Ich mag diese lockere Art und Weise einer Innovationsberatung.

Instore-Shopping-Erlebnisse mit Virtual Reality und Augmented Reality

Die Recherche ist simpel und läuft wie folgt: Ich gebe in der Base, der Datenbank von TRENDONE, Suchbegriffe ein, zum Beispiel “Shop Innovation”, klicke auf Enter und die Base spuckt mir zugehörige Micro-Trends aus. Wir müssen nur noch entscheiden, ob die Entwicklungen und Innovationen relevant für den Kunden sind. Die Micro-Trends, die wir als passend empfinden, legen wir in einem Projektordner ab, aus dem heraus Svea sie dann für den Kunden aufbereitet. In-Store-Shopping-Erlebnisse mit Virtual und Augmented Reality (VR/AR) und ein spezieller Spiegel, in dem man sich geschminkt oder gleich mit dem passenden Outfit sieht, überraschen mich am meisten. Vieles von dem, was ich in der Datenbank finde, habe ich zuvor noch für Science Fiction gehalten. Ich komme mir vor wie eine Hinterwäldlerin. Vielleicht sollte ich mir doch mal Onlinebanking zulegen. Verrücktes 21. Jahrhundert. 

Am späten Nachmittag kommt Johanna vorbei und schaut uns über die Schultern. Sie ist zufrieden und entlässt uns in unseren Feierabend. Jannike fährt zu ihrem Bruder in den Norden und ich zu dem Bruder von meinem Stiefvater in den Osten von Hamburg. Mein Kopf raucht von den vielen neuen Eindrücken und ich bin froh, den Feierabend offline zu verbringen. Noch nicht einmal zum Kickern auf der Reeperbahn lasse ich mich überreden, obwohl ich da normalerweise nie Nein zu gesagt hätte. In eine neue Welt abzutauchen, kostet unheimlich viel Energie. Das ist mein erstes Fazit aus den ersten Wochen als Jobtesterin und Assistentin.

Ist das ein Micro-Trend oder kann das weg?

Am nächsten Tag wartet Johanna bereits mit der nächsten Aufgabe auf uns. Diesmal sollen wir Micro-Trends “scouten”, also identifizieren, die noch nicht in der Datenbank vorhanden sind. Das machen sonst die Trend-Redakteure und -Analysten. Sie werden dabei von achtzig internationalen Trendscouts unterstützt, die nach Neuerungen in den Bereichen Marketing, Lifestyle, Medien und Technologie suchen. Bevor wir beginnen, zeigt uns Johanna, wie man bei einer Trendrecherche vorgeht. “Scouting hat viel mit Erfahrung zu tun und damit, sich die richtigen Fragen zu stellen. Habe ich ähnliche Innovationen in letzter Zeit schon gesehen? Was unterscheidet diese Technologie von ihren Vorgängern? Bei TRENDONE verfolgen wir da einen ziemlich pragmatischen Ansatz: Ein Micro-Trend ist nur, was schon Marktreife hat oder kurz davor steht”, sagt Johanna. Sie schickt uns eine Tabelle mit verschiedenen Quellen, die uns die Suche erleichtern werden. Die meisten Artikel sind auf Englisch. Englisch sollte man als Trendforscher also definitiv beherrschen.

Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll: Sollte ich mir erst einen Überblick verschaffen oder einfach drauf los suchen? Wie tief muss ich mich in die Materie hineinarbeiten? “Das war auch mein Fehler am Anfang”, sagt Johanna und nimmt mir die Angst. ”Ich wollte alles bis ins kleinste Detail verstehen. Im Endeffekt ist aber am wichtigsten, das Innovationspotenzial zu erkennen.” Ich arbeite mich durch Artikel, Studien und Forschungsergebnisse und bin frustriert. Entweder sind die Artikel nicht aktuell oder sie sind bereits in der internen Datenbank zu finden. Meine Lust, diese Aufgabe weiter zu machen, sinkt. “Ich glaube, ich mache lieber mit der Aufgabe von gestern weiter”, sage ich zu Jannike. Mein nicht vorhandenes Fachwissen zieht mich echt runter. „Genau das ist das Spannende am Jobtesting”, antwortet mir Jannike. ”Irgendwann kommt dieser Punkt, an dem du denkst, dass alles zu viel ist und du einfach überfordert bist. Aber wenn du dich dann durchbeißt, dann meisterst du die Überforderung und hast die Chance, den Job wirklich zu verstehen. Für mich ist das immer das tollste Gefühl.”

Durchbeißen lohnt sich

Ich beiße also die Zähne zusammen und recherchiere weiter. Und Jannike hat Recht. Kurze Zeit später finde ich einen Artikel, der auf einem vorhandenen Artikel in der Datenbank aufbaut: Die Technologie wurde weiterentwickelt. Ein Team des CSAIL am Massachusetts Institute of Technology hat sein Verfahren „ColorMod“ zu licht-aktiver Tinte erweitert. Das neue Projekt „PhotoChromeleon“ kann die Farbe von Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel Schuhen, Handyhüllen und Dekoration, ändern. Möglich macht dies eine speziell entwickelte fotochrome Lösung, die auf die Objekte aufgetragen wird. Fotochrom bedeutet, dass die Lösung ihre Farbe verändert, sobald sie  UV-Licht ausgesetzt wird. Wenn der Nutzer mit dem Design nicht zufrieden ist, muss er nur UV-Licht verwenden, um es zu löschen, und er kann von vorne beginnen. 

Jannike hat in der Zwischenzeit auch zwei neue Trends gefunden. So langsam macht die Recherche echt Spaß und ich merke, wie sich mein Gehirn und Horizont erweitern. Die anfängliche Überforderung mit den Neologismen und der Menge an Trends verschwindet und viele Dinge erschließen sich jetzt für mich. Die Welt ist technisch schon viel weiter, als ich gedacht hätte.

Geo-Engineering, Bionik und Space Tourism – Job-Felder der Zukunft

Am Nachmittag haben wir ein Meeting mit CEO und Gründer Nils Müller. Er stellt uns eine Timeline vor, die in Zehner-Jahresabschnitten zeigt, wie sich die Welt verändert hat und bis 2170 noch verändern könnte. Wenn Nils über die Zukunft spricht, dann ist er voll in seinem Element. “Geo-Engineering, Bionik und Space Tourism – das sind aus meiner Sicht Trends, in denen viele Jobs entstehen werden”, erzählt er uns. Er hat eine mitreißende Art. Das merke ich auch an Jannike, die vor lauter Begeisterung in die Hände klatscht. Auch sie ist in ihrem Element und in reinster Vorfreude, welche Jobs sie alles noch testen kann. 

Um den Prozess des Trendscoutings abzuschließen, lernen wir in dieser Woche auch noch, wie wir unsere gefundenen Trends in die Datenbank einpflegen und wie wir dazu passende Texte formulieren. Unsere Recherche-Ergebnisse sollen wir auf höchstens 600 Zeichen herunterbrechen, also etwa vier bis fünf Sätze. Gar nicht so einfach, wenn der Trend aus einem zwölfseitigen Paper in einer englischsprachigen Wissenschaftszeitschrift stammt. Zu unserer Freude nimmt Johanna die Texte sogar ab, sodass sie für immer und ewig Teil von TRENDONE werden. Einigen Meetings, Mittagspausen und Erinnerungsfotos dürfen wir noch beiwohnen, dann heißt es für uns auch schon wieder Abschied nehmen. Spannende Tage bei TRENDONE in Hamburg gehen nun zu Ende.

Wer Trendforscher werden will, sollte neugierig sein, Freude an Recherche und Interesse an der Welt von Morgen haben. Gute Englischkenntnisse und Faszination für technologiegetriebene Trends und Innovationen sollten ebenfalls vorhanden sein. Wer auf eine moderne, lockere Unternehmenskultur und Kaffeetassen mit Namen steht, der ist bei TRENDONE genau richtig. 

Ein riesiges Dankeschön an Nils, Peter und Johanna, die uns das Jobtesting ermöglicht und uns sehr gut in den Job als Trendforscherin eingeführt haben.

 

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